Ich sehe dich, du siehst mich nicht

An einem sonnigen Tag starrte der kleine Junge mit weit geöffneten Augen auf den Pfad, den die Ameisen im Garten geformt haben. Den Versuch, die effektive Anzahl der Insekten festzustellen, hatte er schon nach weniger als fünf Minuten aufgegeben. Fasziniert vom Treiben der Tierchen tapste er umher, ganz vorsichtig darum bemüht, nicht aus Versehen eine der Ameisen zu zertrampeln. Er gluckste laut, als er ihrem offenbar perfekt orchestriertem Treiben zusah. Wie sie miteinander in einem synchronisierten Tanz Materialien und Nahrung auf dem Weg zurück in ihren Bau überreichten. Was sie sich wohl dabei dachten? Ob sie überhaupt dachten? Denken Ameisen? Oder funktionieren sie bloss, so wie Roboter es tun?

Der Junge starrte noch immer wie hypnotisiert auf die abertausenden Ameisen und verlor sich in Gedanken, die ihm bis zu diesem Moment unbekannt waren, als wären es nicht seine eigenen: Die Ameisen waren so winzig klein, er so riesig gross. Doch so nah er ihnen auch kam, sie schienen ihn zu ignorieren. Als wäre er gar nicht wirklich hier? Doch das konnte nicht sein. Wie könnte man seine Präsenz denn nicht wahrnehmen? Er war so riesig gross, die Ameisen so winzig klein.

«Hallooooo? Huhuuuu!», rief er ihnen entgegen und winkte mit den Armen.

Keine Reaktion. Nicht eine der Ameisen blieb stehen, um sich nach ihm umzudrehen. Unentwegt bewegten sie sich weiter auf ihrem Pfad, um Materialien und Nahrung in Richtung Bau zu transportieren.

Der Junge versuchte es nochmals, doch erneut reagierten die kleinen Insekten nicht. Er konnte es nicht verstehen. Also griff er nach einem dünnen Zweig vom Boden und schob dessen Spitze behutsam direkt in die Mitte des Ameisenpfads. Auch das liess die erhoffte Reaktion ausbleiben. Nicht eine Sekunde lang wurde das Tun der Insekten durch dieses direkte Eingreifen unterbrochen. Ihr Pfad verschob sich organisch um einen Zentimeter, ohne die Weitergabe von Materialien und Nahrung zu unterbinden. Zwei weitere Versuche aus je einer anderen Richtung und noch immer reagierten die Ameisen nicht direkt auf seine Präsenz.

Langsam spürte er, wie unangenehm das Verharren in der Hocke für seine kleinen Glieder wurde. Sein linker Fuss kribbelte, als würde er einschlafen. Also richtete der Junge sich auf und stampfte ein paar Mal fest auf den erdigen Boden. Die Ameisen reagierten nicht. Das Gefühl in seinem Fuss normalisierte sich, doch diese Unruhe in ihm drin verharrte. Die Nachmittagssonne brannte erbarmungslos auf seinen lediglich mit kindlich dünnem Haar bedecktes Haupt und langsam stieg in ihm ein Gefühl auf, das er noch nicht so gut kannte. Er hatte es zwar schon einige Male gespürt, ohne es richtig zu verstehen. Ein Druck baute sich in seinem Kopf auf und sein Atem wurde kürzer. Nun spürte er, wie er zu schwitzen begann, wandte den Blick aber keine Sekunde von den Ameisen ab. Von den Tiefen seiner Magengrube her formte sich ein Knoten, der seine Kehle emporstieg, um in seinem mittlerweile heisslaufenden Gehirn einen ihm vollkommen neuen Gedanken zu formen. Es war erste seiner Art aber würde gewiss nicht der letzte derartige in seinem Leben bleiben:

«Vielleicht bemerken sie mich, wenn ich sie zertrample?»

Langsam hob er einen Fuss und überlegte sich, an welcher Stelle er zuschlagen würde. Wo es denn am meisten Sinn machen würde. Doch bevor er sich entscheiden konnte, hörte er in seinem Rücken die Stimme seiner Mutter laut nach ihm rufen. Wie aus einem Bann gerissen, drehte er sich reflexartig um, um zu ihr zu rennen und mit offenen Armen empfangen zu werden. Sie küsste seine heissgelaufene Stirn und streichelte sein Haar liebevoll, worauf sie ihn an der Hand ins Haus geleitete, um ihm eine Mütze anzuziehen.

Während sie die Mütze suchte, fragte der Junge, warum Vater noch nicht da sei. Sie erklärte ihm, er sei auf dem Nachhauseweg, steckte aber noch im Stau auf der Autobahn. Es würde aber nicht mehr lange dauern, bis er Zuhause ankäme, versicherte sie ihm. Mit grossen Augen wollte er unbedingt sofort wissen, was eine Autobahn war. Lachend versuchte sie es ihm zu erklären, doch als sie erkannte, dass er ihr nicht wirklich folgen konnte, griff sie zum iPad und zeigte ihm auf Youtube ein Video, welches Stau auf den Autobahnen aus allen Perspektiven zeigte. Aus der Fahrersicht, seitlich und aus der weit entfernten Vogelperspektive. Wie hypnotisiert sah sich der kleine Junge die unzähligen winzig wirkenden Autos auf den verzweigten Strassen an. Noch begriff er die Mechanismen und Ursachen dahinter nicht, doch das brauchte er auch nicht. Fasziniert vom Treiben der vielen Autos auf dem Screen gluckste er vergnügt.

Sein Schlaf in dieser Nacht war unruhig. Er träumte davon, wie er im Kindersitz im Auto seiner Eltern sass. Aber das Auto bewegte sich nur ganz langsam auf der Strasse und sein Vater war sichtlich schlecht gelaunt, während die Mutter ihn anschrie. In der Ferne vernahm der Junge immer wieder ein tiefes Grollen, das er nicht zuordnen konnte. Er begann zu weinen, doch seine Eltern reagierten nicht. Und als er durch das geöffnete Schiebedach nach oben blickte, erkannte er am Himmel zwei gigantische, weit aufgerissene Augen, die ihn anstarrten, bevor er mit einem schrillen Schrei allein in der Dunkelheit seines Kinderzimmers erwachte.

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Wie schrecklich allein wir doch sind